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Stadt verdient an Stromfressern

Interessenskonflikte bei Videowalls ?

Sie stehen überall in der Stadt und verkünden frohe Werbebotschaften – und die Umweltapostelei der Stadt Köln: große, grelle Videowände der Firma Ströer. Dabei sind diese meist so aufgestellt, daß sie an roten Ampeln die wartenden Autofahrer „informieren“, andere meinen: belästigen, bei den Umweltbotschaften könnte man sogar sagen: missionieren. Man möge doch bitte die KVB benutzen, sonst gäbe es bald Kamele am Dom, erfährt man da sinngemäß während der optimierten Wartezeiten der roten Ampel. Der Anbieter verspricht :

Bei Tag und Nacht unübersehbar: Public Video Roadside Screens sind an den frequenzstärksten Knotenpunkten der Stadt positioniert und bestechen durch ihre erhöhte Position, leuchtende LED-Technik und bewegten Bilder.
(Quelle: Werbetext von Ströer zu ihren Videowänden)

Da jetzt im Winter der Strom knapp zu werden droht, hat „Wirtschaftsminister“ Habeck die sehr sperrig klingende „Kurzfristenergiesicherungsverordnung – EnSikuV“ in der Planung. Die sieht vor, daß „beleuchtete oder lichtemittierende Werbeanlagen“ in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr abzuschalten seien. Das Einsparpotenzial scheint groß: allein in Köln stehen inzwischen 65 Videowalls, davon 34 doppelseitig, wie die Stadt auf zähe Nachfragen mitteilen muss.

Die in Köln üblichen Doppelstandards liegen dabei im Stromverbrauch dieser 99 grellen Werbetafeln. Die Stadt Köln möchte dazu keine Angaben machen, auch wenn sie die entsprechenden Anschlüsse dafür zur Verfügung stellt. Um den Strom kümmere sich die Werbefirma Ströer und es soll sich nach der Auskunft um „Ökostrom“ handeln. Zumindest das „weiß“ man, man hat die Firma Stöer gefragt, aber eben nur das. Wieviel davon, das weiß die Stadt Köln angeblich nicht. Wie man allerdings ohne Kenntnis der benötigten Leistung einen Anschluß legen kann, erschließt sich auch Ingenieuren der Elektrotechnik nicht. So eine Werbewand lässt sich offenbar leichter bauen als eine Steckdose in einer Schule verlegen, wo ein Wille ist, ist eben auch ein Weg.

Monopol für den Werberiesen, Beteiligung für die Stadtkasse

In Köln stehen nur Videowände der Firma Ströer, deren CEO auch schon gemeinsam mit der Oberbürgermeisterin Reker aufgetreten ist. Ströer ist ein „Big Player“ im Werbegeschäft, neben Beteiligungen im Außenwerbungsgeschäft hat man zahlreiche Tochterfirmen und weitere Beteiligungen, so z.B. an „Stayfriends“, „GIGA“ und „Statista“ und auch bei den Werbenetzwerken, die hinter den YouTube-Influencern stehen, ist man dabei: Der „CDU-Zerstörer“ und YouTuber „Rezo“ steht bei einer Tochterfirma von Ströer unter Vertrag.

Der WDR hat nun angesichts des drohenden „Heizlüfterwinters“ recherchiert, wie es sich für einen Sender gehört, der nicht aufs geld achten muß: mit der großen Kelle. Man beauftragte das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und kam zu dem Ergebnis, daß die Videowände der großen Anbieter Ströer und Wall bundesweit 113 Gigawattstunden Strom verbrauchen.

Derartigen Recherchenaufwand hätte es gar nicht bedurft: nach meinen Recherchen, die weitgehend denen des WDR entsprechen, verbraucht so eine LED-Werbewand 300 Watt pro Quadratmeter, die „Roadside Screens“ von Ströer haben 9 Quadratmeter. Auch hier möchte ich sie nicht mit langen Zahlenreihen langweilen:
Eine einseitige Wand verbraucht 20 Megawatt im Jahr, eine doppelseitige 40 Megawatt.
Insgesamt verbrauchen die Leuchtreklamewände in Köln damit ungefähr 2,07 Gigawattstunden im Jahr. Bundesweit sind es, wie vom WDR recherchiert 113 Gigawattstunden. Dazu kommen die zahlreichen kleineren „Werbefernseher“ z.B. am Flughafen, die da noch nicht berücksichtigt sind.

858 Tonnen CO2 im Jahr auch mit Habecks Mogelpackung

Ich kürze es ab und mit Hilfe von einschlägigen Rechnern (eine Kilowattstunde erzeugt im aktuellen deutschen Strommix ungefähr 0,419 Kg CO2) kann man es ausrechnen: die Kölner Videowalls der Firma Ströer haben einen CO2-Fußabdruck von über 858 Tonnen CO2 im Jahr, wenn diese nachts abgeschaltet werden.

Und da kommt die Habecksche Mogelpackung wieder ins Spiel: die großen Videowalls von Ströer werden zwischen 22 und 6 Uhr ohnehin abgeschaltet. Der Effekt dieser „Regelung“ geht also gegen Null, wie so vieles, was dieser Minister von sich gibt. Zusätzlich muss man zwar die normalen Werbewände abschalten, die verbrauchen aber auch nur ein Zehntel des Stroms. und unzählige Neonröhren müssen ebenfalls nachts aus sein, so wird es die ikonische „Er trinkt-Sie trinkt“-Werbung von Reissdorff treffen, aber die ist bei besonders woken Kölnern ohnehin wegen ihrer „tradierten Geschlechterrollen“ auch nicht besonders beliebt.

Rekers Kämmerin Diemert hat eigenes Interesse an Videowänden

Am Tag können die Wände also weiter ungehindert die Umweltpredigten der Stadt ausspielen. Was und ob die Stadt dafür bezahlt oder ein kostenloses Werbedeputat hat, weil sie munter immer neue Videowände genehmigt, ist von der schweigsamen Stadtpolitik nicht zu erfahren.  Üblich ist im Aussenwerbungsgeschäft eine Beteiligung der Städte an den Werbeeinnahmen. Die klamme Stadt Köln, 5 Milliarden Euro Schulden, hätte also selbst ein Interesse an den Stromfressern. Man habe Verträge, nach Auskunft der Bauverwaltung „europaweit augeschrieben“. Diese Verträge der öffentlichen Hand werden gerne als „Privatsache“ gesehen, wenn man sie im Rahmen der Informationsfreiheit lesen möchte. Sprich: Geheime Stadtsache.

Jetzt mag die Nähe der Oberbürgermeisterin zum weitverzweigten Netzwerk der Kölner Firma Ströer, für die auch der rührige Youtuber „Rezo“ gerne mal wohlstandsverwahrlost die CDU „zerstört“, eine Rolle dabei spielen, vielleicht war man ihr auch beim Wahlkampf behilflich und dank Beteiligung an den Einnahmen müssen die Wände solange laufen wie möglich. Da hinterfragt man nicht. Das kann man auch nicht von den Medien erwarten, die ihre Angebote ohne das Geld der Werbewirtschaft kaum finanzieren kann. Die Firma Ströer äußerte sich trotz Gelegenheit nicht.(mj)

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